Maximilians Geschichte (geb./gest. 23.10.2005)

Maximilian war ein richtiges Wunschkind und ich habe mich gefreut, dass es eigentlich ziemlich schnell geklappt hat. Ich hatte vorher Hormonprobleme und es hat länger nicht funktioniert, dann machte ich eine 3 Monats-Kur und danach hat’s gleich im zweiten Zyklus eingeschlagen… Die Freude war die ersten 3 Monate etwas durch mein Schlechtsein getrübt. Mir war von früh bis spät, auch nachts, nur schlecht, ich konnte teilweise nicht einmal Wasser trinken (sogar davor hat mir gegraust!) geschweige denn essen. Aber ab dem 4. Monat ging’s mir bis auf ein paar „Reckanfälle“ besser. Anfang 5. Monat war ich dann ein paar Tagestationär wegen der Übelkeit und dem Blutdruck. Aber ich wurde daraufhin freigestellt (ich hasse meine Arbeit!!!) und ab da ging’s nur mehr bergauf. Ich fühlte mich von Tag zu Tag wohler, begann Maximilians Tritte und Boxschläge zu spüren. Ich muss sagen, ich hatte davor schon gewusst, dass er da ist, aber so eine richtige Liebe entwickelte ich erst, als ich ihn spürte. Ich meine so eine innige, tiefe Liebe. Das war auch die Zeit, in der sich meine Liebe zu meinem Mann veränderte. Ich liebte ihn auch davor sehr, aber sie wurde durch Maximilian noch größer.
 
In der 17. Schwangerschaftswoche erfuhren wir schon, dass es ein Bub wird. Da war scheinbar alles noch in Ordnung, medizinisch gesehen. Jetzt im Nachhinein muss ich sagen, dass diese 1 ½ Monate die schönsten meines Lebens waren. Aber ich wundere mich bis heute, wie sicher ich mich fühlte. Ich meine, ich begann schon alles zu kaufen, und für mich war sicher, dass am 23. Februar 2006 (so ungefähr halt) mein Baby zur Welt kam. Nie im Leben hätte
Da nahmen die Dinge ihren Lauf. Ich war in der 22. Schwangerschaftswoche zum Organscreening bestellt und war schon Tage davor nervös. Ich weiß auch nicht warum, viel­leicht war’s eine Art Vorwarnung? Ich meine, wahrscheinlich ist jede Mutter nervös, aber irgendwie hatte ich eine Scheißangst in mir.
 
Die Nacht davor konnte ich überhaupt nicht schlafen. So fuhr ich dann mit meiner Schwester, damit sie ihren Neffen einmal sehen kann, ins Spital. Naja, der Arzt fuhrwerkte da auf meinem Bauch herum und hat ein paar Mal, immer wieder dazwischen, den Kopf vermessen. Ich dachte mir da noch nichts dabei, wahrscheinlich auch deswegen, weil er immer wieder sagte, was nicht alles okay ist. Dann gegen Ende sagte er, dass eigentlich alles in Ordnung sei, bis auf dass ihm etwas ein bisschen Sorgen machte. In diesem Moment rutschte mein Herz in die Hose, mein Puls schnellte auf 180 und ich fragte voller Sorgen: „Und was?“ Dann meinte er, dass der Kopf für die Woche zu groß sei, er entspräche der 25. Schwangerschaftswoche und außerdem sehe er so was wie eine Zyste im Gehirn, aber er könne nicht genau sagen, was das sei. Er rief dann den Primarius herbei, der mein Frauenarzt war, und der schaute es sich an und sagte gar nichts dazu, außer dass ich ins AKH zu einer Untersuchung müsse. Er meinte noch, da ich inzwischen bitterlich weinte, ich sollte mich beruhigen, das sei doch nur reine Vorsorge und es wird sicher alles in Ordnung sein… Reine Routine, sonst nichts. Ja, und der eine Arzt, der mich als erstes untersucht hat, sagte zum Primarius das Wort „Hydrocephalus“. Oh Gott, wie sehr hasse und fürchte ich bis heute dieses schreckliche Wort. Ich hab’s genau gehört, und hatte ungefähr eine Ahnung, was das bedeutet. Obwohl beide Ärzte abstritten, es gesagt zu haben.
Mein Mann, den ich gleich nach der Untersuchung angerufen hab, hat extra noch einmal den Primarius angerufen, und er hat auch zu ihm gesagt: „Reine Routine, das Gehirn besteht aus lauter Zysten, machen Sie sich keine Sorgen“.
Organscreening war am Dienstag, den Termin im AKH haben sie mir für Donnerstag ausgemacht. Im Nachhinein haben sie mich im AKH gefragt, warum ich nicht gleich am nächsten Tag gekommen bin, da hätte ich fast lachen müssen. Glauben die ernsthaft, das war lustig? Im Gegenteil, diese beiden Nächte und 1 ½ Tage waren die schrecklichsten meines Lebens. Immer zwischen Hoffnung und Verzweiflung, diese Warterei und schreckliche Ungewissheit. Ich wollte wissen, was mit meinem Baby war…
 
Mein Mann war lange nicht so beunruhigt und verzweifelt wie ich, er klammerte sich immer an die Worte vom Primarius, dass alles in Ordnung und nur reine Vorsicht war… Trotzdem surften wir gemeinsam im Internet und fanden dann auch eine Geschichte, bei der auch der Kopf zu groß war, wobei sich das aber dann gelegt hat. Ich war inzwischen mehr am Hoffen als am Verzweifeln angelangt und fuhr halbwegs zuversichtlich mit meinem Mann ins AKH. Dann gleich beim Anmeldeschalter der Riesendämpfer, als ich neben meinem Namen „Verdacht auf Hydrocephalus“ las. Ab dem Moment konnte ich nicht mehr sitzen und ging die ganze Zeit bis zur Untersuchung den Gang auf und ab, musste immer wieder weinen. Und die Zeit war lang, aber inzwischen weiß ich auch, warum sie uns erst als letzter drangenommen haben. Immer wieder sah ich Mütter mit einem Ultraschallbild ihres Babys rauskommen…
ich hoffte trotzdem, dass alles gut ging und ich schließlich auch mit einem solchen Bild glücklich nach Hause gehen konnte.
 
Aber dem war nicht so. Während der Untersuchung kamen immer mehr Ärzte in den kleinen Raum und schließlich sagte die Ärztin neben mir, die den Ultraschall machte, „Ich muss Ihnen etwas sagen“, ich ganz leise „Ist es schlimm?“ Sie sagte ja, und ab dem Moment geschah alles wie in einem Nebel, der sich bis heute nicht gelichtet hat. Mein Mann sagte mir jetzt vor kurzem, dass ich über 2 Stunden nur geschrieen und geweint hab, trotzdem sie mir schon zig Beruhigungsmittel und weiß der Teufel was noch gegeben haben…
 
Wir mussten gleich nach der Untersuchung dort bleiben, auch wegen meinem psychischen Zustand (ich hab mehrmals geäußert, dass ich mit meinem Baby sterben will und sie mich doch samt Kind gehen lassen sollen). Am Donnerstag nachmittag wurde noch ein MRI gemacht zur Sicherstellung der Befunde. Trauriges Ergebnis: Es bestätigte sich, dass Maximilian unter einem Hydrocephalus litt und es schon so schlimm war, dass die Ärzte ihm keine Chance gaben. Die Geburt wurde eingeleitet und am Sonntag um 16:05 kam Maximilian – wider Erwarten der Ärzte – LEBEND zur Welt. Tja, mein Sohn war anscheinend eine Kämpfernatur und hat’s allen gezeigt. Er lebte für fünf Minuten. Er war so wunderschön, so besonders, so einzigartig. Mein Erstgeborener.
 
Die Zeit im Spital kommt mir so unwirklich vor. Ich stand so unter Beruhigungsmittel anderen Psychopharmaka, dass das wahrscheinlich kein Wunder ist. Die ersten 2 Wochen waren die schlimmsten, seit dem Begräbnis geht’s mir etwas besser, aber ich hab immer noch Tage, wo ich nachts weinend aufwache und das dann den ganzen darauf folgenden Tag so geht. Ich bin dann traurig, wütend, zornig über die Welt und die Ungerechtigkeit und und und.
Habe Maximlians Grab schön gemacht, die Bouquets weggetan und Reisig raufgetan und alle seine Sachen. Engeln, eine Spieluhr von seiner Uroma, und ein Stofftier von dem Sohn meiner Bekannten. Danach fühlte ich mich etwas besser, irgendwie erleichtert halt. Aber es schmerzt trotzdem immer noch so sehr. Ich vermisse ihn so sehr. Ich liebe ihn so sehr. Und, ich hätte ihn so gern bei mir!
 
Ich fühle mich so, als hätten sie einen Teil von mir und von meiner Seele mit ihm begraben.
Das war Maximilians Geschichte.
 
Anonym