Damit muss ich klarkommen

…ja, ich dachte, dass das Leben nicht mehr weiter gehen werde, als mir mein Frauenarzt mitteilte, dass mein ungeborenes Mädchen die Trisomie 21 hat; besser bekannt als Down Syndrom. Ich weinte nur noch! Ich konnte an nichts anderes denken, als an mein ungeborenes geliebtes Mädchen! Aber ich wusste von An­fang an, dass dies über meine Grenzen hinausging, diesem Mädchen das Leben zu schenken.
 
Trisomie 21 kann ja so aussehen, dass man den Kindern außer ihr Aussehen kaum was ansieht. Es kann sein, dass sie ein fast normales Leben führen können; es kann aber auch sein, dass sie schwerwiegende Fehlbildungen haben wie zum Beispiel Lungen- oder Herzschäden. Ja, meine Worte waren einmal: Wegen einer Trisomie 21 würde ich niemals abtreiben! Sage niemals nie! Die Umstände waren nun anders als damals, wo ich dies sagte. Es würde eigentlich alles, aber wirklich alles stimmen bei mir! Ich habe einen lieben Mann, super Eltern und genauso super Schwiegereltern, ich habe super süße Kinder; einen Sohn, 6 Jahre und eine Tochter 4-jährig.
 
Es sieht gut aus, und ihr fragt euch: Warum nur hat sie abgetrieben?!? Meine Tochter ist leider behindert! Man kennt den Namen der Krankheit nicht, wir wissen nur, dass sie ohne Hilfe nichts lernen kann. Das heißt, dass sie nicht von selber sprechen lernt oder sie kann auch nur schlecht gehen. Dafür ist sie sehr fröhlich und aufgestellt! Das gibt mir die Kraft, die ich brauche, um den Tag mit ihr zu verbringen. Ich bringe sie jeden Tag in eine Therapie. 2x Logopädie, 1x Früherziehung, 1x spez. Spielgruppe und 1x Physiotherapie. Und dies jede Woche. Ja, manchmal ist es sehr anstrengend, denn sie hat den Stand von einem 1 1/2 jährigen Mädchen; ich kann sie nicht alleine lassen, muss immer schauen, was sie macht. Nun sieht man eher, dass da ein zweites behindertes Kind schlecht Platz hat. Und doch habe ich manchmal das Gefühl, dass ich es nicht hätte machen sollen...
 
Alles fing damit an, dass ich eigentlich ungewollt schwanger wurde; trotz Verhütung! Zuerst waren wir erstaunt, aber wir freuten uns riesig darauf. Weil unsere Tochter behindert ist, ließen wir unser Ungeborenes testen, das heißt, die Ärzte mussten die Nackentransparenz messen. Da das aber zu ungenau war, und die Ärzte sich nicht sicher waren, entschieden wir uns für den Fruchtwassertest. Ich war mir immer sicher, dass ich ein gesundes Kind unterm Herzen trage! Ich war nicht nervös, als ich auf der Fahrt ins Frauenspital war, ich war mir so sicher! Einen Tag später sagte mir dann mein Arzt, dass das Kind die Trisomie 21 habe! Ich fiel so tief in ein Loch, ich dachte, da komm ich niemals mehr raus! Ich wollte nicht abtreiben; ich bin und war gegen Abtreibung! Ich weinte nur noch! Meine Kinder schauten mich fragend an... ich weinte! Zum Glück habe ich so einen liebevollen Mann! Er hat mich unterstützt, wo er nur konnte! Wir redeten über jede Möglichkeit, dem kleinen Sternchen eine Chance zu geben; doch immer wieder kamen wir auf dieselbe Antwort: es ging über meine/unsere Grenze hinaus. Unser Sohn würde noch mehr abseits stehen. Für alle Beteiligten war es besser ab­zutreiben, nur für unser Sternchen war es... wer weiß,...
 
Wir gingen dann zu einem Professor, der uns die Trisomie 21 näher erklären sollte, der uns vielleicht die Entscheidung ein wenig leichter machen könnte, aber nein, die Entscheidung liegt ganz alleine bei uns; das heißt bei mir! Ich weiß, dass wenn ich mich für unser Kind entschieden hätte, hätte mein Mann zu mir gehalten!
 
Am 3. August fuhren wir dann, ohne ein Wort zu sagen, in die Klinik. Dort gab es Missverständnisse, aber letztendlich kam ich doch in ein Zimmer. Mein Mann war immer bei mir, das war eine riesengroße Stütze! Die Hebammen wie auch die Ärzte waren sehr freundlich und versuchten, sich immer wieder in meine Situation zu versetzen. Ich bekam dann vaginal eine Tablette eingeführt, die die Wehen hervorrufen sollte. Alle sechs Stunden wurde dies wiederholt. Manchmal hatten wir sogar was zu lachen, mein Mann und ich, dann, 2-3 Minuten später war ich am weinen! Es war schrecklich! Ich hatte fast keine körperliche Schmerzen, doch die seelischen Schmerzen... ich finde keine Worte, die die seelischen Schmerzen beschreiben würden! Es war einfach nur schrecklich!
 
Dann am 4. August kam es zur Welt. Ich spüre mein Schätzchen noch jetzt, wie es kam! Es nahm ein riesengroßes Stück von meinem Herzen mit! Es tat so fürchterlich weh, es so zu geben! Ich vermisse es so sehr!
 
Ich überlegte mir kurz, ob ich es anschauen will oder nicht. Nun bin ich froh, dass ich’s gesehen habe und doch bin ich noch trauriger. Es war alles da! Ich würde dieses Erlebnis nicht meinem ärgsten Feind wünschen!
 
Wir hatten noch keinen Namen, daher ist es einfach mein Schätzchen, mein Sternchen oder einfach mein geliebtes Mädchen. Es war schlimm, ein Kind geboren zu haben und dann ohne ein Kind nach Hause zu fahren! Das war fürchterlich! Wir ließen dann unser Mädchen kremieren. Und bin ich sehr froh, dass ich die Urne zu Hause haben kann; ich schmückte die Stelle fast wie ein Grab. Es brennt eine Kerze daneben und ein süßes kleines Pflänzchen verziert den Platz. Ich gehe oft an diese Stelle, denke über das Ganze nach und dann muss ich immer weinen. Ich „weine“ mich dann immer in ein Tief; was meistens dann geschieht, wenn ich alleine zu Hause bin und ich wäre froh, wenn ich mich nicht so entschieden hätte... - dann, wenn ich mich wieder gefangen habe, weiß ich, dass der Entscheid richtig war! Mein Sohn kommt schon in der jetzigen Situation zu kurz, wie ginge dies mit einem zweiten behinderten Kind... ja, ich musste mit dem Kopf entscheiden und nicht mit dem Herzen, aber die ganze Situation zwang mich, so zu entscheiden. In dieser Zeit, habe ich meine Familie gut kennen gelernt. Ich habe Seiten an meinen Brüdern entdeckt, die ich nie kannte. Auch sie hat es sehr mitgenommen.
 
Nun ist ein wenig Zeit vergangen und ich denke, es kann sich niemand vorstellen, der dieses Erlebnis noch nie erleben musste, wie groß der Wunsch nach einem weiteren Kind ist! Am liebsten wäre ich sofort wieder schwanger. Doch da habe ich nun auch mit dem Kopf entschieden. Ein viertes Kind möchte/n ich/wir ganz sicher, doch es soll noch ein wenig Zeit vergehen; es darf kein Ersatz sein!
 
Dieses Erlebnis darf aber auch niemals vergessen gehen! Daher finde ich es gut, wenn man darüber weinen muss/kann. Dies ist eine Entscheidung, die ich weder dem Schicksal, noch dem Satz „ es hat so sein müssen“ in die Schuhe schiebe; diese Entscheidung habe ich alleine getroffen und mit dieser Entscheidung muss ich nun klar kommen! So hart dies auch tönt; aber ich will es mir nicht leicht machen, indem ich sage: Es musste halt so sein. Dies stimmt für mich so, für andere Frauen stimmt dies nicht! Aber ich denke, dass dieser Weg, den ich mir so vorgelegt habe, dass der richtig ist, und dass ich meine Geschichte so am besten verarbeiten kann; sie soll aber niemals, niemals vergessen gehen! Daher finde ich es gut, wenn man weint, wenn man sich damit beschäftigt, wenn man nicht unbedingt den leichten Weg geht.
 
Dies ist nun mein Erlebnis, meine Gedanken die ich habe, die ich mit viel Weinen aufgeschrieben habe und wo ich froh bin, wenn man dies veröffentlichen kann, denn wenn es irgendwie geht, möchte ich damit den Frauen helfen, die vor einer solchen Entscheidung stehen oder sich entschieden haben und nicht mehr weiter wissen!
 
Sonja

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