Das Kind hätte ein Leben gehabt

Schwanger! Die 36-jährige Frau M. freut sich auf das Kind. Dann, in der 20. Woche, der Befund: Behindert. Sie treibt ab. Ein Erfahrungsbericht
 
20. Woche, Montagmorgen, ruft mein Gynäkologe an und teilt mir mit, dass eine freie Trisomie festgestellt wurde. Er bietet mir eine Beratung an. Er erläutert die Krankheit und rät mir zum Abbruch. Seine Argumente, zum Beispiel die Familie bricht auseinander, die Mutter weiß nicht mehr, warum sie lebt, sind die gleichen, die ich auch schon früher gehört habe. Er sagt zu mir, dass er mich nicht beraten hätte, sondern mir den Rat gibt, es zu tun, solange noch Zeit ist.
Nach diesem Gespräch verstehe ich freie Trisomie als schwere Form von Mongolismus. Das Kind würde nicht fähig sein, mit mir Kontakt aufzunehmen, später würde es sexuell gefährlich werden. Dass mein Arzt mir zur Abtreibung rät, damit hätte ich nicht gerechnet. Mein Mann bittet mich, es zu tun. Ich habe einen Termin - einen Termin zur Abtreibung - morgen acht Uhr im Krankenhaus. Ich muss es tun, sonst hilft mir im Leben keiner mehr. Ich habe es versprochen. Es ist kein Kind. Es ist ein Monster, das mir meine Familie wegnehmen und mich in Ketten legen will. Um acht Uhr sind wir in der Klinik.
 
Am späten Vormittag kommt ein Arzt. Er erläutert den Eingriff. Damit ich nicht auch noch Schmerzen erleiden müsse, schlägt er eine Periduralanästhesie vor. Um 13 Uhr wird das erste Zäpfchen eingelegt. Um 19 Uhr kommt ein anderer Arzt, untersucht mich und sagt, dass sich noch nichts getan hätte. Er legt das zweite Zäpfchen ein. Zurück im Zimmer fange ich doch an zu überlegen. Es passiert ja nichts. Vielleicht kann ich aufhören. Ein leichtes Ziehen. Ich spüre einen Ruck. Meine Beine sind nass. Die Fruchtblase ist geplatzt. Es ist zu spät. Es ist 22 Uhr. Im Bett werde ich zum Kreißsaal gefahren. Dort liege ich in einem Zimmer, das komplett für eine Geburt eingerichtet ist. Mein Blick geht ständig zu dem Babybettchen. Nach Mitternacht kommt der Arzt und sagt, dass es nun so weit sei. Meine Arme werden angeschnallt. Ich hoffe, dass ich aus der Narkose nicht mehr erwache.
 
Ich bin doch wieder wach geworden. Eine weitere Patientin kommt in mein Zimmer. Sie ist behindert. Ich schäme mich entsetzlich vor dieser Frau. Ich gehe im Flur auf und ab und bitte den Arzt um ein Gespräch. In diesem Gespräch frage ich, ob das Kind nun wirklich schwer krank war. Der Arzt sagt, wie schwer die Behinderung gewesen wäre, konnte man in diesem Stadium nicht feststellen. War ich richtig informiert? O Gott, mein Kind hatte nie eine Chance. Der Arzt schlägt mir nun erst ein Gespräch mit der Psychologin des Krankenhauses vor.
 
Die Psychologin erzählt von einer Frau, die sie öfters sieht. Ihr Down-Kind ist zwei Jahre. Es ist fröhlich. Die Frau geht jeden Tag zur Krankengymnastik. Das Kind hat laufen gelernt…
 
Während ihrer Ausführungen denke ich: „Sie weiß nicht, dass ich schon abgetrieben habe.“ Hätte sie doch gestern mit mir gesprochen. Mir wird schlecht.
 
Ich räume die Babysachen weg. Es geht mir immer schlechter. Ich werde nervös und weine. Meine beiden Töchter sind mir fremd. Wenn ich sie umsorgen muss, zerreißt es mich. Ich weiß nicht, ob ich nun Täter oder Opfer bin.
Sieben Wochen nach der Abtreibung kann ich nicht mehr. Mein Gynäkologe schlägt mir eine Beratung am Institut für Humangenetik vor. Dort sprechen wir über das Down-Syndrom. Mir wird klar, dass es nicht die richtige Entscheidung war. Das Kind hätte ein Leben gehabt. Wie gut sich das Kind entwickelt hätte, wäre zum Großteil von mir abhängig gewesen. Ich bin kein schlechter Mensch, aber ich habe Unrecht getan. Ich war zu feige, dieses Kind anzunehmen. Um es wieder gutzumachen - es ist nicht mehr wirklich gutzumachen -, stelle ich mich bei drei Organisationen mit Thema Familie und Natur als ehrenamtliche Helferin zur Verfügung. Es geht mir besser, wenn ich für jemand etwas tun kann.
 
©DS - DEUTSCHES ALLGEMEINES SONNTAGSBLATT, 7. Mai 1999 Nr. 19/199